Beat Unternährer

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16 Stunden-Aufführung des "Ring des Nibelungen", verteilt auf 2 Tage
Wagner-Marathon in Köln
Ein musikalisch-dramaturgischer Erlebnisbericht aus Köln, gestützt auf
- Aufführungsbericht im Kölner Stadt-Anzeiger (fett kursiv)
Programmheft „Der Ring in 2 Tagen"
- Pausengespräche
- eigene Vergleichsmöglichkeiten mit andern Aufführungen
Der Ring des Nibelungen ist der Titel eines "Bühnenfestspiels für drei Tage und einen Vorabend". So lautet die genaue Angabe von Richard Wagner. Köln wollte mehr und verkürzte die Aufführungszeit auf zwei Tage. Das Interesse an der Mammut-Veranstaltung war gross: Nach unserer Feststellung war das Haus ausverkauft.
Von zwölf bis 14 Uhr 30 war das "Rheingold" gespielt worden. Bis 22 Uhr würde die "Wallküre" erklingen. Am Sonntag ab zehn folgte der "Siegfried", ab 18 Uhr die "Götterdämmerung". Rund 16 Stunden Musiktheater an zwei Tagen. Eine künsterlische, logistische und konditionelle Herausforderung, die bisher noch keine Oper anzunehmen gewagt hatte.
Der Normalfall sind fünf Tage, Meinigen schaffte es in vier, Erl in Tirol in drei Tagen. Dabei mag es um Events gehen, es geht aber auch um intensive Kunsterfahrung.
Die Kölner "Ring"-Inszenierung des Kanadiers Robert Carsen ist eine radikale Öko­Deutung mit einem gleich zu Beginn verseuchten Rhein, die konsequente Schnee-und Kälte-Metaphorik und der Auszug der Götter aus und der Einzug der faschistischen Gibichungen in Wahlhall - das ist beste Regiekunst. Von jedem Regisseur werden die vier Teile immer als Einheit konzipiert, von Wagner sind sie als eine grosse Parabel vom Anfang und Ende der Welt, vom Einbruch der Geschichte in die Naturgeschichte gedacht.
Eine zyklische Aufführung fordert das Kunstwerk von sich aus. Den Ring an zwei Tagen zu sehen, ist darum wie einen Roman an einem Tag zu lesen oder vorgelesen zu bekommen. Die Kölner Oper unter dem Dirigat von Markus Stenz hat die lange Geschichte vom Aufstieg und Fall der Menschheit kraftvoll und erhellend vor Augen geführt.
Offenbar wollte Stenz mit seiner Ringschmiede-Kunst auch zeigen, dass er und sein Orchester, dessen Besetzung, wie die der Sängerrollen, von Oper zu Oper wechselten, einen solchen Kraftakt zu leisten in der Lage sind, und haben dabei
etwas überkompensiert. Sie sind gegen Schluss etwas laut geworden, dass etwa Brünhildes Schlussgesang zu kippen drohte. Aber das rührte das grossartige Gesamtkunstwerk der Kölner Opernspielfeld am vergangenen Wochenende nur wenig.
Wer von Wagners "Der Ring des Nibelungen" fasziniert ist, hat auch nach einer Marathon-Aufführung wie an diesem Wochenende. immer noch nicht genug davon Die Oper Köln präsentiert das komplette Wagner-Werk und - wie im Drogenrausch -ruft man nach mehr. Durch diese Art der Aufführung hat sich eine noch grössere Konzentration und ein intensiver Sog eingestellt. Bei dem Werk handelt es sich ja um einen Zyklus, der so in dieser Inszenierung von Robert Carsens sehr schlüssig erzählt wird.
Um bei der Qualität der Darbietung keine übermüdungsbedingten Abstriche machen zu müssen, wurden die Hauptrollen Wotan, Brünnhilde und Siegfried doppelt besetzt. Man hat wohl darauf geachtet, "dass sich niemand kaputtsingt", Auch an entscheidenden Stellen im Orchester hat es nach meinen Beobachtungen Auswechslungen gegeben.
Eins vorweg: Markus Stenz schärft mit wunderbarem Orchesterspiel den Blick auf die oftmals vergröbert wiedergegebene Struktur des Ringes und erlöst ihn vom ermüdenden Dauerforte. Ihm gebührt denn auch der grösste Anteil am Erfolg dieses ungewöhnlichen Ring-Zyklus. Es stehen im Orchesterklang nicht immer nur die Blechbläser im Vordergrund, sondern auch die Hölzer und Streicher sind zu erkennen.
Die Götter sind Menschen in dieser Deutung des Rings. Das Grosskapital und die Arbeiterschaft, die Kriegsherren von Walhall und am Rhein. Die Welt in der sie leben ist ein Trümmerhaufen. Die Katastrophe ist ökologischer Natur, der Krieg zwischen den Menschen nur ein weiterer Aspekt des Krieges gegen die Natur. Feuer ist eines der zentralen Bühnenmotive, echtes brennendes Feuer wohlgemerkt. Brünnhilde ist davon eingeschlossen, die Kamine in Walhall und in Gunters Büro brennen, im Feldlager, wo Hunding zu Haus ist. Zur Not hält Hagen das Feuer mit Hilfe einer Zigarette in Gang. Wenn am Ende die Welt und Walhall an Siegfrieds Feuergrab entzündet in Flammen aufgehen, dann steht fast die gesamte Bühne des Kölner Opernhauses in Brand. Ein ungeheuer eindrucksvolles Bild. Als dieser Flächenbrand sich dann auch noch auf die Hinterbühne zurückzieht und den Raum öffnet für einen leeren Raum, kennt das Erschauern keine Grenzen mehr. Hier ist ein letzter grosser Frühjahrsputz im Gange, ein kathartisches Feuer, eine Reinigung der Welt. Der leere Raum am Ende ist Möglichkeit und Hoffnung, ein weisses Blatt Papier, auf dem eine neue Geschichte geschrieben werden kann, wo eine neue (bessere?) Welt stattfinden darf.
Grosse, schöne Bilder gab es viele. Schnee fiel im RHEINGOLD, der die Kriegslandschaft der WALKÜRE grundierte. Die Ausstattung war gleichermassen von Klarheit, wie von handwerklicher und künstlerischer Feder inspiriert. In Kombination mit eher dunklem Lichtdesigngelangen so einfache, eindrückliche und ungemein wirkungsvolle Momente. Stark akzentuierendes Seitenlicht wechselt dramaturgisch von kalt nach warm und zurück. Wie die Bühne von weiter weg ausgesehen mag? In der ersten Reihe, unserem Logenplatz, sahen wir auch in der Dunkelheit.
Nicht alles war perfekt, natürlich. Selber habe ich's nicht sooo genau analysiert, aber ein Wagnerianer von altem Schrot und Korn sagte uns in einer Aufführungspause, es habe mitunter munter im Orchester geklappert, Holz und Blech seien sich im 1. Siegfried-Akt nicht immer einig gewesen. Auch waren Tempo und Dynamik der Regie nicht immer mit dem Maestro abgestimmt. Nicht immer überzeugt das Bühnenspiel: Leerstellen blieben besonders bei den "kleinen" Szenen. Die Begegnungen Brünnhildes mit Siegmund, Siegfried und Waltraute zum Beispiel. Da bleibt es seltsam leer und deutungslos auf der Bühne. Vielleicht ist es Absicht, denn im Orchester erklingen in diesen Szenen meisterhaft komplexe Strukturen. Vielleicht wollte Robert Carsen nur nicht ablenken. Aber wahrscheinlich fällt es ihm leichter, wirkungsvolle Massenszenen auf die Bühne zu bringen, als einen theatralen Ausdruck der Nähe, eine subtile Personenregie, zu erfinden. Dafür gibt es immer wieder auch Gags, bis hin zum Slapstick, auf der Bühne. Mimes Gesicht in der Torte? Das ist Geschmackssache.
Zieht man Bilanz, so lässt sich aber zweifellos sagen, dass die Kölner Oper in ihrem Schatzkästlein vier beinahe makellose Perlen hat. Sie sollte diese pflegen und vorführen, für ein Jahrhundertwerk hat es vielleicht nicht gereicht, das ist aber auch nicht die Aufgabe der Kölner Oper, das soll Bayreuth immer mal wieder leisten, aber dieser RING darf gern ein Jahrzehnt auf dem Spielplan verweilen und weit über den Kölner Raum hinausstrahlen. Nun zu den einzelnen Aufführungen:
Das Rheingold
Samstag, 12 Uhr bis 14.25 Uhr
Um 12.02 Uhr beginnt der Rhein im Orchestergraben zu fliessen. Bald hebt das grosse „Wagalaweia" an, das uns bis tief in die Nacht des nächsten Tages nicht mehr aus dem Sinn gehen wird: „Weia! Waga! Woge, du Welle! Walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia." Es donnern die Pauken, es schmettert das Blech, die Streicher, sie säuseln, und der Gesang trägt uns fort. Es geht bei Wagner um alles und jeden und also um die Frage: Gold oder Liebe! Um 14.25 Uhr fällt der erste Vorhang. Und um uns ist der Teufel los: „Booah!" ist die erste Reaktion eines italienischen Quartetts in unserem Rücken. Das klingt so, als hätte die Gruppe knapp zweieinhalb Stunden lang die Luft angehalten. Aus dem „Booah" wird dann ein „Bravo" und„Bellissima". Das lässt sich gut an. (Kölner Stadt-Anzeiger)
Sie beginnen nicht am Anfang, sondern kurz vor dem Ende - sozusagen ein erweitertes Vorspiel zur Götterdämmerung. Es sind schon Jahrtausende vergangen und wir sehen das Hier und Heute. In Leserichtung laufen Menschen über die dunkle, leere Bühne und entledigen sich dabei allerlei Gegenstände, von leeren Zigarettenschachteln über ausgelesene Zeitungen bis hin zu lästigen Kleidungsstücken, wie es unsere Wegwerfgesellschaft eben so praktiziert. Als sich der Nebelteppich am Ende des Vorspiels lichtet, erscheinen drei "nette Slumkinder", die auf einer "feuchten Abfallgrube" leben, völlig verdreckt und verkommen. Auch der herankriechende Alberich lebt in diesen Abfällen. Sein albernes Herumgekrieche erhält erst einen Sinn, als er nach seinem Fluch auf die Liebe den schon fertig geschmiedeten Ring entwendet, diesen an seine Hand steckt und sich ab diesem Moment auf seine zwei Beine erhebt, um es den "nichtswürdigen Menschen" zu zeigen und sie unter sein Joch zu bringen.
Soweit die wohl zentrale Aussage des Produktionsteams, das hier einen bewusst "grünen Ring" präsentieren möchte, mit Blick auf die ständige Ausbeutung und Misshandlung der Erde und aller Lebewesen, die ökologische Krise und den unaufhaltsamen, gemeinsamen Weg in den Untergang. Die Ausstattung beschränkt sich auf die "normalen Alltagsrequisiten". Neben Arbeitskleidung, Anzügen, Kleidern und Smoking erscheint weder Augenbinde, noch Speer und Hammer. Ersatz dafür liefern Gehstock und Golfschläger. Ansonsten dominiert der durch hochfahrbare Wände abgeschlossene, hallenartige Raum der geräumigen Hauptbühne, der mittels weniger Requisiten schnell verwandelt werden kann.
In Walhall ist dagegen szenisch wie in Bayreuth oder anderswo. Die Koffer stehen neben Baumaterialien, Lastzügen und Bauplänen. Die Götter sind die machtgierigen Egozentriker unserer Zeit ohne Gefühl für bleibende Werte und Verantwortung - und wie die Menschen am Fluss verraten auch sie ihre Lebensgrundlage, die Äpfel Freias. Doch ungewohnt viele Personen sind ständig auf der Bühne: unzählige und tragische Einzelschicksale umgeben die Götter, Zwerge und Riesen genauso wie uns selbst in unserem realen Leben. Fasolt und Fafner demonstrieren ihre Autorität auf der Baustelle vor einer grossen Truppe von Bauarbeitern, die streikend um ihren Lohn bangt. Eine schwarzgewandete Dienerschaft schirmt die Götterwelt vor den Unannehmlichkeiten der „minderwertigen Welt" ab, mit dem Butler Loge als „Fahrradfahrer", nach oben buckelnd und nach unten tretend, an der Spitze. In Nibelheim bildet sich der Riesenwurm aus verängstigten, auf den Knien kriechenden Zwergen, die sich gegenseitig würgend um den aufrechtstehenden Alberich scharen. Neben diesen eindringlichen und stimmigen Bildern stehen jedoch auch szenische Durchhänger wie zum Beispiel die einfallslos angelegte Konfrontation von Gott und Zwerg in Nibelheim, das naive Verbuddeln Freias unter Styropor-Nuggets oder der Einweihungsdonner Walhalls per Golfschlag. In diesen Momenten rettete Markus Stenz die Spannung, gestaltete das Drama wieder vorrangig aus der Musik heraus, arbeitete kammermusikalische Details und Leitthematik feinfühlig heraus und liess die schicksalhaften Dimensionen des »Rheingolds« spürbar werden. Martin Finke lieh der von Regie und Beleuchtung ebenfalls vernachlässigten Figur des Mime seinen sicheren, klagenden Tenor. Andreas Hörl und Dieter Schweikart präsentierten Fasolt und Fafner mit gut sitzenden und sehr verständlichen Stimmen und Technik, doch wollten die beiden eher hell timbrierten Stimmfarben nicht so recht zur schwarzen Grösse dieser Basspartien passen.
Dass die Szenenwechsel bei geschlossenem Vorhang stattfinden, wird vor allem durch die Hervorhebung der Parallelität der Ereignisse gerechtfertigt: senkt sich der Vorhang am Ende der ersten Szene über Alberich, der in imposanter Pose den geraubten Ring in die Höhe streckt, steht am Beginn der nächsten Szene Wotan an derselben Stelle und in ähnlicher Haltung, begeistert von dem Anblick der in seinem Auftrag fertiggestellten Burg. Wie sich die Bilder gleichen. Robert Carson erfindet nichts an den Haaren herbeigezogenes hinzu, sondern schärft den Blick für wesentliche Aussagen des Werkes. Vieles hat man zwar schon gesehen, was nun wirklich nicht verwundern kann, aber es fügt sich (fast) alles harmonisch zusammen.
Auch musikalisch legt sich diese Kölner Produktion ordentlich ins Zeug: mit Markus Stenz steht dem Produktionsteam auf der Bühne ein ebenso kompetenter als auch ausstrahlungsfähiger Dirigent vor der Bühne und entfacht im Graben mit dem
Gürzenich-Orchester Kölner Philharmoniker über weiteste Strecken einen wahren Klangzauber. Blieb dem Vorspiel auch jener Zauber des noch Unberührten, erst langsam Entstehenden versagt, was allerdings der Inszenierung voll entspricht (das Geschehen setzt eben nicht am Beginn der Schöpfung ein, sondern erst kurz vor dessen Untergang), war das, was Markus Stenz im Laufe der Aufführung aus dem Orchester herausholte, schon sehr bewundernswert. Nie schleppend, immer mit Spannung gestaltete grosse Bögen und Phrasierungen zeichneten seine immens ausdrucksstarke Interpretation aus.
Von den Solisten, die sich insgesamt als ein homogenes Ensemble präsentierten, wurden vor allem Philipp Joll, als imposanter Wotan (Der balsamische Bariton besitzt autoritäre Durchschlagskraft und gefährliche Zwischentöne, seine weltmännisch brutal arrogante Wotan-Interpretation überzeugte ohne Abstriche), Dalia Schaechter, als selbstbewusste First Lady Fricka wusste mit ihrem wunderschönen, vielschichtigen Mezzo sämtliche Facetten ihrer Partie von einschmeichelndem Becircen bis zu hysterischem Keifen auszuloten. Oskar Hillebrandt singt einen galligen und dämonischen Alberich, so wie man ihn gerne hört. Tolle Leistung. Schade, dass er fast während der ganzen Zeit auf den Knien rutschen muss. Die vielschichtigste Figur ist sicherlich der Halbgott Loge, der in Köln von Hubert Delamboye charakterisiert wurde. Seinem breit klingenden Tenor mag man fast das Attribut „alte Schule" verleihen, so natürlich und ungekünstelt setzte er seine Rollengestaltung an. Als oberster Diener des Götter-Clans ist er verbitterter Untergebener und allwissender Vertrauter zugleich. Als sei es seine Rache für Jahrzehnte der Unterdrückung, seine Abrechnung mit den Mächtigen dieser Welt, führt er die Götter in dezentem Kerzenlicht nach Walhall in eine von Schneefall eingehüllte Finsternis und wechselt in die für ihn neue Rolle als Anwalt der vergessenen Schicksale unserer schnelllebigen Zeit.
FAZIT
Alles in allem ein mehr als verheissungsvoller Auftakt zu einem neuen Ring-Projekt.
Die Walküre
Samstag, 17 Uhr bis 21.45 Uhr
Wir begeben uns in die Einkaufsstrasse und verbummeln uns etwas. Im Santana gibt's auch nach langem Warten nichts zu essen, sodass wir uns mit einer Suppe im Opernrestaurant begnügen. Ein Herr sagte uns: Den »Ring« habe ich mittlerweile von mindestens 20 Dirigenten gehört, da waren die besten dabei, und mit denen kann Markus Stenz locker mithalten. Ganz hervorragend!"
Der Dirigent wird mit „Bravi" beschenkt, noch bevor er Siegmund und Sieglinde zusammenführt. In der zweiten Pause ist draussen in der Welt die Nacht hereingebrochen. Auf einer Terrasse sinnieren zwei Gäste über den „schwarzen Mond", den sie am Himmel fixieren: Die schmale Sichel des Mondes, sagt der eine, liege nicht so, wie sie zu liegen scheine. „Die Achse ist ganz woanders - was wir da sehen, sehen wir nicht."
Fakten und Fiktionen sind das, wie sie auch den „Ring" durchwabern. Auf dem Schlachtfeld wählen die Walküren die Helden aus, und wir machen uns, als dann Brünnhilde im Feuer gefangen liegt, auf zum Bier und Cocktail mit PopC orn im Bankers Restaurant.
Im Ernst:
Durch sanft rieselnden Schnee hatten sich Wotan und Fricka um 14.25 ins Walhall der Oper Köln zurückgezogen - wildes Schneegestöber begleitet jetzt das donnernde Vorspiel der Walküre. Es herrscht Krieg in der von den Göttern verlassenen Menschenwelt. Schäferhunde verfolgen Fährten, Autoscheinwerfer und blendende Taschenlampen beleuchten eine gespenstische Schieberszene im Waffenlager des Sippenführers Hunding. Jede Gefühlsregung wird aufgespürt, nur Gefühlskälte sichert das eigene Überleben. Dass sich die desillusionierten Kriegskinder Siegmund und Sieglinde in dieser Welt wiederfinden müssen, ist die Grausamkeit ihres von oben bestimmten Schicksals. Dass in Köln Kirsten Blanck und der schwergewichtige Thomas Mohr als diese Kriegskinder agierten, war jedoch wie ein schicksalhafter Glücksfall, da beide das „gewisse Etwas" herauszuholen verstanden, das dem 1. Akt innewohnt. Die Tiefe von Kirsten Blancks warmem Sopran klingt berückend weich und rund, die Höhen leuchten in sinnlichem Timbre, kein Registerbruch trübt den musikalischen Genuss. Und darstellerisch? Von der Brutalität der Wirklichkeit geprägt, ist ihre Sieglinde ein herber Typ mit kurzen Haaren, in Khaki-Uniform und -wohlwissend, dass Gefühle angreifbar machen - eher eine verbitterte Realistin als das jubelnd ekstatische Wälsungenkind: selten hat eine Sieglinde so verzweifelt still geschluchzt nach dem Gewinn des angeblichen Siegschwertes Nothung, ein Hohn beim Anblick von Hundings Waffenarsenal. Thomas Mohrs Siegmund ist optisch massig - der ideale einsame Kämpfer mit grimmigem Mut, stimmlich interpretiert er die Heldentenor-Partie mit schlanker Tongebung ohne wilde Attacke - und gerade dieser Gegensatz macht den Reiz seiner Interpretation aus. Die „Wälse"-Rufe wirken unerwartet nüchtern, beinahe wie aus einem Gespräch zwischen Vater und Sohn. Als „der harte Mann mit weichem Kern" vermag er Sieglindes verschlossenen Blick für die zerbrechlich kurzen Momente ihrer Liebe zu öffnen, die „Winterstürme" werden zum beruhigenden Wiegenlied, Nothung zieht er ohne Aggressivität mit sensibler Ruhe aus einem abgesägten Eschenstamm - die Kraft der Natur ist zerstört. Siegmunds charakterlicher Gegenpol Hunding, menschgewordenes Negativ-Symbol für Brutalität und Freude am Töten, wurde von Dieter Schweikhard bedrohlich verkörpert, musikalisch habe ich ihn jedoch als zu „positiv", leicht und kultiviert empfunden. Das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Markus Stenz startete viel versprechend. Die oft extremen Tempowechsel pendelten konsequent und logisch zwischen beobachtenden, ruhigen Gedankenwelten und weiterführenden, zügigen Aktionen.
Stellenweise blitzte das Talent zur Analyse psychologischer Zusammenhänge beim Regieteam durch: In der stilvollen Halle von Wotans Burg tagt eine Offiziersversammlung, Soldaten marschieren auf. Freias Äpfel leuchten nur so lange auf dem marmornen Sitzgruppentisch, bis Wotan - erbärmlich auf allen Vieren kriechend - die Vision vom Ende der Götter durch Alberich durchlebt. Ein zu Schrott gefahrener Jeep in öder Schneelandschaft bietet kurze Zuflucht für das Wälsungenpaar. Homogen singende Walküren in einem Meer von Gefallenen küssen die Toten wach und schicken sie als seelenlose Wesen nach Walhall. - Das war's bei Personenführung und Bühnenbild. Störend waren die liegengebliebenen Leichen einen ganzen Akt lang und auch als Dekoration des (nichtvorhandenen) Walkürefelsens. Die letzte Chance lag also bei den Protagonisten. In herausragend souveräner Form präsentierte sich als Wotan ein ausgesprochen differenziert rezitierender und interpretierender Albert Dohmen. Vielschichtige Nuancen holte der warme Bariton aus der musikalischen Struktur des Göttervaters hervor, sein langer Atem ermöglichte gute Phrasierungen, er verkörperte Autorität und
bemitleidenswerte Kreatur in einer Person. Leider lotete Dalia Schaechter sein Götterweib Fricka nicht halb so farbenreich aus wie im »Rheingold«. Sie konzentrierte sich hauptsächlich auf die stimmliche Umsetzung von gekränkter Hysterie und fanatischer Unerbittlichkeit. In Brünnhilde sieht Robert Carsen eine naiv gehorchende, ihre Umwelt nicht sonderlich hinterfragende Industriellen-Tochter im geblümten Jungmädchen-Kleid der 50-er Jahre. Damit stellte er die 46jährige Jayne Casselman vor unerwartete Probleme, da sie versuchte, das Wotankind in diesem Sinne auch musikalisch konsequenterweise eher mädchenhaft unschuldig als walkürenhaft dramatisch anzulegen. Interessanterweise überzeugte Brünnhilde vor allem als sie sich den langen Mantel eines gefallenen Soldaten überzog und in der Konfrontation mit Wotan ihre Rechte einforderte - Kleider machen Leute: jetzt erst bewegte sie sich auf gewohntem stimmlichen Terrain. Brünnhildes Felsen erglüht am Schluss in sanft flackerndem, echtem (!) Feuer, das Wotan selbst entzünden muss; Loge verweigert den Gehorsam. Das „verschmutzte Wasser des Rheins", „Schnee, der Menschlichkeit einfriert", „Feuer, das trennt und einsam macht" ... Lässt sich aus diesen Gedanken der rote Faden spinnen, der Carsens »Ring«-Projekt zusammenhält? Der Vorhang fällt - und viele Fragen sind noch offen!
Siegfried
Sonntag, 10 Uhr bis 15.12 Uhr
Es ist früh am Tag, als Markus Stenz wehenden Haares zur Tat eilt. Mit ausgebreiteten Armen nimmt er die Begrüssung durchs Publikum an, dreht sich um - und erstarrt. Auf seinem Pult fehlt die Partitur. Das hat er noch nie erlebt. Nach wenigen Schrecksekunden entwickelt sich Heiterkeit im Saal. Stenz greift zum Diensttelefon und ruft den Inspizienten an. Der Wortlaut ist nicht überliefert. Wenig später wird das Objekt der Begierde im Laufschritt überreicht. Szenenapplaus. Stenz prüft demonstrativ, ob es auch die richtige Partitur ist. Das wird ihm später das Pausenlob eines Japaners einbringen: „Er ist ein sehr disziplinierter Dirigent, hat aber Sinn für Humor." Und dies: „Die Aufführung ist schön, wirklich schön und rund." Die Bravi zum Finale gibt es schneller als den Applaus.
Selten zuvor habe ich Siegfried so lyrisch gehört, was man sowohl über ihn selbst wie auch über das Werk als Ganzes sagen darf. Überwogen am Anfang noch Fragezeichen über die allzu zurückhaltende Gestaltung der Titelpartie, so dass im fantastischen Duell Mime-Siegfried nicht sicher war, wer hier das Heldenfach bedient und wer den schrägen Charakter, dankte man Stefan Vinke später eine ungewohnte und v.a. ungehörte Sicht auf das Werk, zu der auch Philipp Joll als Wanderer und Anne Pellekoorne als Erda kräftig beitrugen, was bei ihr allerdings etwas Lasten der unbedingt erforderlichen Tiefe ging. Doch allen voran ist hier Markus Stenz zu nennen, der die im Programmheft genannte Spieldauer von 5 Stunden, was gutem Durchschnitt entsprochen hätte, locker um fast eine halbe Stunde überzog. Die Idee einer kammermusikalischen Darbietung wäre allerdings auch dadurch nicht verloren gegangen, wenn er - genau wie der Titelheld - bisweilen etwas mehr forte gegeben hätte.
Doch nun der Reihe nach: Wie schon zu Beginn des Rheingolds finden wir uns gleich eingangs auf einem Kehrichtplatz ein, wo Mime zwischen allerlei Schrott in einem fahruntüchtigen Wohnwagen wohnt; seine Schmiede gleicht einer schlecht sortierten Hobbybastlerwerkerbank. Wotan zeigt sich im Gegensatz zur sonst üblichen Darstellung als Edel-Wanderer mit walking-stick, very british! Später präsentiert sich Alberich in gleicher Aufmachung nur ohne Stock und als schäbiger Abklatsch, bekleckert und zerrissen. Vorzüglich ist Martin Finke. Mit seiner perfekten Mischung aus stimmlicher Fülle, Verständlichkeit und beeindruckender Bühnenpräsenz ist er der unbestrittene Star des Abends, der selbst dann noch verständlich artikuliert, wenn er den eigenen Rollenwechsel vom Schmied zum Koch zelebriert. Eine grosse Leistung von Martin Finke!
Auch Siegfried legt in seinen letzten Schmiedestrophen kräftig zu und zeigt, dass er pressfrei richtig forte singen kann; als Nothungs 1. Beute schlägt er zur vernehmlichen Freude des Publikums die Vorderwand des Wohnwagens herunter, in den sich Mime verkrochen hatte
Darf der Wald niemals mehr heil und grün erscheinen? Nicht einmal im „Waldweben"? So sehr man sich auch den sauren Tannen satt gesehen hat, so sind die uneinheitlich versägten Stümpfe des Kölner Siegfried doch von zwingender Logik im Umfeld der steten Umweltzerstörung von Menschen Hand, wie sie uns schon im Vorspiel des Rheingolds begegnete, als man die armen Rheintöchter bedauerte, in solchem Dreckswasser baden zu müssen.
Wie so oft lagen Gelungenes und Verunglücktes ach so nah beisammen. Freute man sich zu Ende des 1. Aufzuges schon über eine Aufführung, die eigentlich nicht mehr schief gehen kann, so war doch die Enttäuschung über den "Drachen" gross; die Teile stimmten einfach nicht überein. Zunächst öffnet sich nur eine dampfende Lichtspalte im Hintergrund, dann hängt unmotiviert eine Baggerschaufel vorne herein, und ebenso grundlos kommt schliesslich ein blutender Bauarbeiter hereingewankt, um ohne Verstärker den Rest zu singen. Völlig daneben das Waldvögelein: Zu gewohnt unverständlichem Gesang vom Rang ergreift Siegfried eine vogelförmige Stoffpuppe, die er von Hand flattern lassen muss und je nach Bedarf beiseite legt; da war das ornithologische Fachbuch schon origineller, welches Mime zückte, als er Siegfried zu erklären versuchte, was dem Vögelein der Vogel sei...
Auch Robert Carsen kombiniert die Wiederkehr alter Bekannter wie dem Tarnhelm als Kettentuch mit riskanten Slapsticks, wenn etwa Siegfried Mimes Gesicht in die mitgeschleppte Torte eintaucht, die dieser auf einem Klapptisch über Fafners Leiche zur Feier der gelungenen Aktion aufgebaut hatte. Auch der Oberkellner im Gammelfrack, den Mime mimt, ist eine dieser netten Ideen. Der Beginn des 3.Aufzuges versetzt uns zurück in Walhalls Saal: Die Möbel zusammen geschoben, Freias Äpfel verstreut, sitzt der Wanderer am erloschenen Kamin; um Erda zu erwecken, gibt Philipp Joll sein Letztes. Es erwacht eine schlecht gekleidete Mamuschka, die wie in einer Zwangshandlung sofort nach Erwachen den Flaumer ergreift und planlos herumfuselt. Doch Wotan ist nur noch in seiner Gedankenwelt befangen, so dass er nicht mal bemerkt, wenn die alte Dame, die er hinabschicken will, den Saal bereits seitlich verlassen hat. Sein kratzerfrei glänzender Edelwanderstab, der an einen Speer nicht mal ansatzweise erinnert und dessen schwarzer Lack garantiert runenfrei ist, zerbricht durch Siegfrieds blosse Geste eines Hiebes. Wotan legt die Bruchstücke in den toten Kamin und sinkt dort sinnierend nieder in der Betrachtung eines Gemäldes vom Walkürenfelsen, das gerne schon bei der Uraufführung als Requisit gedient haben könnte. Was um Gottes Willen macht Siegfried in Walhall? Ich glaube, Carson zeigt damit, dass die
Göttermacht schon aufgehört hat, Sicherheitssysteme haben versagt, jeder hat Zutritt.
Barbara Schneider-Hofstetter als Siegfried Brünnhilde ist eine treffliche Wahl, die erste richtige Frau nach fast 5 Stunden fast nur Männern und Naturwesen. Noch etwas mehr Kraftfülle wäre sicher auch erlaubt, doch auch so zaubert sie in der völligen Kargheit der Raumausstattung einen Stimmungsumschwung herbei. Schauspielerisch agiert sie voller Präsenz, besonders dort, wo Brünnhilde sich endlich in ihre neue Rolle als liebende Frau findet und des zum Zeichen ihren Mantel ablegt. Ihr einstiger Schlafplatz ist gähnend leer; ausser einigen Resten der letzten Schlacht verliert sich das ungleiche Paar auf der freien Platte der Riesenbühne. Das ist nicht nur ihrem Gesang abträglich, der nirgendwo reflektiert wird, das hätte auch eine viel pronociertere Personenführung oder ein Mehr an Lichtregie erfordert. Doch allzu lang stehen sie unbewegt am Fleck, gegen Ende beide an der Rampe des Orchestergrabens, dort allerdings beeindruckend in ihrer stringent durchgehaltenen Berührungslosigkeit, jeder für sich an den äussersten Rändern, zuletzt dann ganz dicht im Lichtkegel auf der Bühnenmitte - kontaktfrei. Stefan Vinke (Siegfried) dürfte eine grosse Hoffnung für die Zukunft sein, Barbara Schneider-Hofstetter (Brünnhilde) entlud manch Loderndes, aber die Finalsteigerung des Hohen Paars zum „lachenden Tod" hin müsste doch viel enthusiastischer, inbrünstiger entwickelt werden.
Götterdämmerung
Sonntag, 18 Uhr bis 23.15 Uhr
Vordem abendfüllenden Finale - die vier„Ring"-Segmente werden kurioserweise immer länger - kann man noch einmal eine der Entspannungsmöglichkeiten wahrnehmen. Einer erzählt, er habe sich im Raucherfoyer massieren lassen: „Seitdem tut mir der Rücken weh!" Und der Tai-Chi-Kurs endet mit einer prima Pointe: „Die volle Wirkung der Entspannung", sagte scheints der Lehrmeister, „zeigt sich erst in einer Stunde: Es kann also sein, dass sie dann sehr müde werden." Das passt gut, denn dann sitzen die Teilnehmer schon wieder im Opernsessel.
Jetzt muss der Machtball verwandelt werden - oben auf dem Mount Wagner. Das ist das Tolle an diesem Wagner-Wahnsinn: Die vielen Leitmotive, die musikalischen wie die inszenatorischen, sind einem in dieser dichten Darreichung wunderbar präsent. Und die Wucht und Vieldeutigkeit des Werks entfaltet sich mit einer Intensität, die den Bereich des Drogenkonsums streift.
Wie könnte es anders sein? Die Nornen erwarten den Zuschauer am Sonntagabend erneut im umzugsbereiten Walhall. Aber es scheint dann doch eher ein Grossreinemachen zu sein, zu dem sich die Nornen zusammen gefunden haben, die offenbar mit der Urmutter eine Putzfirma betreiben. Der aufmerksame Zuschauer erkennt sofort Details, die die Handlung dokumentieren und den weihevollen Weltenklatsch der emsigen Seilknüpferinnen illustrieren. So stehen sich Loges Fahrrad und ein Bündel gegenüber, dass sich schnell als die Weltesche herausstellt. Das Ende ist vorprogrammiert und unausweichlich.
Eine »Ring«-Produktion, die zu Ende geht, provoziert eine gewisse Melancholie: ein Fazit über Vergangenes wird gezogen, vieles hat sich seit Samstag 12 Uhr, seit dem Es-Dur-Akkord im »Rheingold«, verändert und entwickelt. In der »Götterdämmerung« geschah zusätzlich jedoch noch etwas anderes. Dieser »Ring« des Dreiergespanns
Robert Carsen, Patrick Kinmonth und Markus Stenz schloss sich an diesem Abend zu einer Einheit, kehrte dahin zurück, wo er angefangen hatte, verdichtete sich unauffällig und fast leise zu dem, was er ist: zu unserer eigenen Geschichte, zum Anfassen nah, zum Weinen realistisch.
Bei den Gibichungen sieht es endgültig aus wie in der Reichskanzlei, weiss-rote Flagge und riesig gerahmte Karten des Rheinverlaufs mit Köln, Worms und Düsseldorf an der Rückwand inklusive. Wäre da nicht der grosse Schreibtisch, man könnte sich glatt wieder in Walhall wähnen - und genau das sind die Bezüge, die zu den andern Teilen führen. Denn die Bezüge zum Dritten Reich sind genau so schlüssig wie die zu jeder anderen Diktatur. Ich interpretiere das so, dass die Machtzentrale der Götter ausgedient hat und nun von Schreibtischtätern wie Gunther und Hagen regiert wird. Hagen wird von Philip Kang dargestellt. Leider ist auch er unverständlich, singt dafür aber elegant, wenn auch häufiger zu leise. Weniger überzeugend ist der Gunther Samuel Yongs, der jedoch über eine gute Stimme verfügt.
Laut Programm deuten Regisseur Robert Carsen und Bühnenbildner Patrick Kinmonth Richard Wagners Tetralogie als Anklage gegen die Ausbeutung von Natur und Umwelt, zeigen sie als Spiegel unserer Gesellschaftsprinzipien und des egozentrischen Anspruchsdenkens. Das ist ihnen voll gelungen. Der letzte Rest von sauberem Wasser wird kostbar wie Gold, das dem, der es besitzt, Macht über die ganze Welt gibt. Die Verflechtung von zwei Handlungsebenen behält Carsen konsequent bis zum Schluss bei: das öffentliche Geschehen in der Weltpolitik auf der einen Seite und die kleine persönliche Welt des Individuums auf der anderen. So wird Brünnhildes Schlussgesang keine grosse Rede an das Volk, mit der sie ein universales Weltengleichnis auflöst: vor dem geschlossenen Vorhang ist es ihr einsamer, ruhiger und intimer Abschied von Siegfried - fast wie ein Liebestod. Danach erst gibt sie der Natur die Macht zurück in das Flussbett des Rheines, in dem charakteristische Utensilien der Vorgeschichte - hier Loges Fahrrad, Fafners Baggerschaufel oder Siegfrieds Badewanne - liegen und brennen. In dem Moment, wo das Erlösungsthema in Kombination mit dem Walhall- und dem Rheingoldmotiv erklingt, passiert es: Es regnet! Was für ein Effekt nach Schnee, Eis und Feuer der vorangegangenen Aufführungen! Die Gnade der Erlösung - so einfach, so schlicht, so nah. Weshalb der Regisseur die Rheintöchter am Schluss nicht auftreten lässt, die Hagen in die Tiefe ziehen, bleibt ein Rätsel.
Markus Stenz hatte bereits im »Siegfried« bewiesen, zu welch psychologisch fundierten Klangbildern das Gürzenich Orchester technisch und emotional fähig ist. In der »Götterdämmerung« gelang eine nochmalige Steigerung. Im Einklang mit den vielen Details auf der Bühne, die nicht plakativ überzeichneten, sondern Zusammenhänge bewusst machten, formte Stenz seine Interpretation. Mit Albert Bonnema und Jayne Casselman agierte ein (älteres!?) Liebespaar auf der Bühne, bei dem im Zusammenspiel einfach alles stimmte: ein „Dream-Team". Albert Bonnema besitzt die nötige Kondition, um differenzierend analysieren zu können, dass Wagner den »Götterdämmerungs«-Siegfried als einen zweigeteilten Menschen nicht nur konzipiert, sondern auch komponiert hat. Den Bogen von leuchtend klarer Lyrik, unterbrochen durch Aggressivität und Identitätsverlust, spannte Bonnema mit bewundernswerter Konsequenz und unermüdlichen Kraftreserven. Jayne Casselman ist in ihrer Darstellung der Brünnhilde der Prototyp der modernen jungen Frau von heute, die lernen muss, sich in einer Männerwelt zu behaupten, um sich selbst treu bleiben zu können. Ihre Lebensweisheit verteidigt sie mit dem Mut der Löwin, ihre
Wut und ihre Trauer paaren sich mit Demut. Dazu bewältigte sie die Partie mit betörender Intensität, die in keinem Register an Schönheit und Dichte verlor. Philip Kang interpretierte wie oben erwähnt die Bass-Partie des Hagen etwas blass und nicht tiefensicher; eine Gesamtleistung die etwas abfiel. Hingegen Oskar Hillebrandt der als Alberich mit effektvoll grossem Schattenspiel in drängend flüsterndem Dialog mit seinem Sohn suggestive Sogwirkung erzeugte. Samuel Youn war als engagierter, nicht über alle Zweifel erhabener Gunther-Interpret zu erleben, dessen Höhen jedoch zuweilen angestrengt und gestemmt klangen. Die Gutrune der Regina Richter stürzte sich ebenfalls mit Vehemenz und Sensibilität in ihre Rolle. Mit voll strömendem Atem und gefühlvoll gesetzten Akzenten nutzte Laura Nykänen die Schönheit der Waltrautenszene, um eine Gänsehaut provozierende „Stillstand-Szene" zu schaffen, einen Höhepunkt des Abends. Als Putzfrauen, die den Unrat einer vergangenen Zeit miteinander verknüpfen, erzählen die Nornen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.. Die Rheintöchter sitzen wie ölbeschmierte Vögel im ausgetrockneten Rhein und suchen nach Wasser - sie zwitscherten nicht leichtstimmig, sondern gestalteten ihren Klagegesang sehr kultiviert und homogen mit grossen tragfähigen Stimmen.
Hagen ersticht Siegfried mit der Fahne aus der Gibichungenhalle; im Sterben noch entreisst ihr Siegfried den Stoff und zeigt damit deutlich, was sie die ganze Zeit gewesen ist: Hagens Speer! Gekonnt inszenierte Ironie: Der Leichnam wird sorgsam mit der Fahne bedeckt. Nun schlägt noch einmal Stenz' Stunde, der im Trauermarsch alle Register ziehen kann, die das Gürzenich-Orchester bietet. Spätestens hier wird deutlich, dass die Götterdämmerung der musikalisch geschlossenste Teil des Kölner Ringes ist. Und in der herrlichen Schlussszene, in der Brünnhilde in den Trümmern der Welten der Riesen, Zwerge, Menschen und Götter zu wirklicher sanglicher Grösse aufsteigt und Carsen mit seinem Bühnenbildner Patrick Kinmonth zusammen in sehr innerlichen Bildern diesen Weltuntergang inszeniert - wenn der Rhein als Regen auf die Flammen niedergeht und Brünnhilde traumversunken in den Bühnengrund schreitet, dann wird klar, dass Carsen ein gekonntes Spiel mit der Ideenwelt Wagners, mit dessen Ängsten und Visionen, eine hervorragende Illustration seiner Musik und ein spannendes Stück Theater realisiert hat.
Der „Ring des Nibelungen" ist in der Kölner Oper geschmiedet, und die beiden letzten Stücke, „Siegfried" und „Götterdämmerung", bestätigten nachhaltig, was schon der Eingang mit „Rheingold" und „Walküre" gezeigt hatte: Generalmusikdirektor Markus Stenz ist - obwohl es sein erster Ring war - ein ernstzunehmender Interpret für Richard Wagner. Stärker als im Gesang, deutlicher als auf der Bühne spielte sich das Drama im Orchester ab - eine elementare Folge von Bild, Sinn und Emotion. Ein ausserordentliches Erlebnis.
Fazit zum Schluss (auf die Gefahr, mich zu wiederholen):
Obwohl mir das Ganze sehr gut gefallen hat, habe ich schon kritische Randbemerkungen, bzw Fragen. Heute kann es ja wirklich nicht mehr als grosser szenischer Wurf gelten, die Protagonisten als Soldaten verkleidet auftreten zu lassen, die dann in völliger Ödnis ihre Rolle singen. Hier waren es durch die äusserst ausgebaute Statisterie sehr viel Uniformen und sehr viele Waffen. Eine so negative und buchstäblich düstere Darstellung der Welt (die sich „Überraschung" im Krieg befindet) habe ich allerdings selten, weder live noch von Video gesehen. Es wäre ja schon fast kühn, mal wieder eine stehende Esche zu präsentieren, und einen einäugigen Wotan mit Speer. Der Gehstock in den Händen eines Feldmarschalls ist wirklich lächerlich. Dafür aber legte sich Herr Dohmen gut ins Zeug und sang einen würdigen Wotan, auch sein Kollege Phillip Joll tat sein bestes. Auf der extrem hohen und tiefen Kölner Bühne zu singen ist mit Sicherheit extrem anstrengend, da die menschliche Stimme einfach nicht weit genug trägt, Die meisten Protagonistenn sangen ihre Rollen gut, wirklich herausragend waren jedoch Alberich, Siegmund und Brünnhilde. Diese Auftritte kann man nur als Highlights bezeichnen. Mit dem Licht hätte ich Mühe gehabt, wäre ich weiter hinten gesessen. Vieles wird völlig unnötig in Dunkelheit getaucht (warum darf man eigentlich die Gesichter der Sänger nicht sehen? Ständig wurden sie von hinten oder der Seite angestrahlt. Von einer Ausleuchtung der Szene konnte in keinem Fall die Rede sein. Ist das Kunst?) und nur schlecht, böse und kaputt dargestellt. Gefällt mir gar nicht. Die "Götterdämmerung" zeigte dann, wie man trotzdem packend inszeniert. Das Bühnenbild wirkte hier am wenigsten störend und die Regie wartete hier mit ausgefeilter Personenführung auf, die von den guten Darstellern auch voll ausgefüllt wurden.
Ich habe ja nichts dagegen, dass neu inszeniert wird und die Protagonisten nicht mit Fell und Stierhörnern herumlaufen. Ich mag es nur nicht, wenn die Inszenierung zum Selbstzweck verkommt und dann am Werk vorbei geht. "Des Vertrages Runen" in einen Gehstock zu ritzen, mit dem Wotan dann noch den Walkürenfelsen verteidigen will, ist einfach kein Bild, um einen wenn auch kompromittierten Gott zu zeigen, sondern bestenfalls eine Karikatur. Und die wird in der Musik nunmal nicht beschrieben.
Samuel Youn ist ein ziemlich martialischer Sänger in der Rolle des Gunther, und das passt auch gut zur Personenführung. Gunter ist im 1. Akt eine sehr starke Figur und degradiert Hagen zum Gehilfen. Der Hagen des Philip Kang hat mir nicht gefallen, die Stimme war mir zu schwach und seine Gestaltung hat mich nicht überzeugt. Dazu kam die fast schon quälende Situation bei Siegfrieds' Mord. Kang ist ungefähr 2 Köpfe kleiner als Bonnema (der Siegfried) und tat sich mit dem Speer wirklich schwer...
Merkwürdig übrigens, dass die Sieglinde der Kirsten Blanck in den Pausengesprächen gar nicht erwähnt wurde, ausser vielleicht: zu wenig romantisch. Kennt noch jemand diese Sängerin? Ich war von ihr fasziniert und dafür, dass sie die Partie in der Aufführung zum ersten Mal sang wirkte sie absolut sicher.
Der Kölner Ring an zwei Tagen war schon ein imposantes Ereignis: musikalisch und
szenisch im wahrsten Sinne des Wortes eine Wucht. Sängerisch leider nur mit
Einschränkungen:
Absoluter Tiefpunkt (weil Totalausfall) war der Hagen von Philip Kang, dessen
Stimme nun am Ende zu sein scheint, so dass man nur noch Mitleid haben kann. Die
Buh-Rufe mussten nicht sein. Absolutes Highlight ...sorry...absoluter Höhepunkt war für mich der Siegmund von Thomas Mohr. Ich habe diese Partie nie schöner und ergreifender gehört. Kirsten Blanck's Sieglinde stand dieser Leistung kaum nach. Jayne Casselman war in der Walküre noch steigerungsfähig, dafür aber in der Götterdämmerung durchaus überzeugend, besonders in der Darstellung. Sie verfügte auch über die nötige Strahlkraft. Ansonsten ragten meines Erachtens noch heraus: Hubert Delamboye als Loge, Oskar Hillebrandt als Alberich, Albert Dohmen als Wotan (W), Barbara Schneider-Hofstetter als Brünnhilde (S), Martin Finke als Mime, Samuel Youn als Gunter, aber auch der Rest war akzeptabel. Den Ring in solch kurz aufeinanderfolgenden Terminen zu erleben ist eine wirklich tolle Erfahrung. Die hier erfahrbare Einheit des Werkes wird durch die Stringenz und Schlüssigkeit der Regiearbeit Robert Carsens absolut hervorgehoben. Die von Patrick Kinmonth geschaffenen Bilder bleiben noch lange im Gedächtnis. Nächstes Jahr im März wird es wieder einen Ring an 2 Tagen in Köln geben. Bei den Pausengesprächen gab es die übliche Bandbreite: für den einen war Schneider-Hofstetter die schlechteste Brünnhilde (S), die er je gehört hat, den anderen hat ihre stimmliche Darstellung zutiefst berührt...
Einen Namen muss man unbedingt erwähnen: Markus Stenz. Seine Leistung kann ich nicht hoch genug einschätzen. Sänger und Orchester wurden abgelöst...er hat das Ganze zusammengehalten und für einen erfrischend klaren Wagnerklang gesorgt. Bei seinem Erscheinen am Schluss dieses grandiosen Wochenendes erhob sich das dankbare Publikum geschlossen von den Sitzen... Seit der Hollmann - Inszenierung in Basel in den Siebziger Jahren scheint mir diese Inszenierung eine der attraktivsten und stimmigsten zu sein. Interessant übrigens, dass Carson Elemente des Gegenentwurfs zum Ring, Offenbachs "Fées du Rhin", deren (Fast-) Welturaufführung vor einem Jahr in St. Pölten stattfand, eingebaut hat. Vielleicht versteht man Kontrahenten besser, wenn man sie zusammen betrachtet. Dass Brünnhilde eine Entwicklung zur liebenden Frau durchmacht, und gleichzeitig einen Ablöseprozess, erkennt man zwar in der Musik, aber nicht ohne weiteres in manchen Inszenierungen, die nur die weltgeschichtlichen Elemente sehen. In Wagners Ring sind die Personen so tiefsinnig charakterisiert, dass man den Ring auch als psychologisches Drama verstehen kann, und den Weltuntergang als Staffage. Diesen Seiltanz zwischen individuellen Schicksalen und gesellschaftlichen Elementen bewältigt der Kölner Ring sehr gut.
Bestimmt ist die Musik das wichtigste Element, ganz besonders, wenn sie
richtig ausgespielt und nicht als Bläserkonzert missverstanden wird, und die Poesie
von Wagners Sprache unterstützt. Auch das war vorzüglich.
Mir wird dieses Ring-Erlebnis immer in Erinnerung bleiben
Am Montagabend zuhause eingetroffen: Brief aus Bayreuth! Kartenzusage! Leider nicht wie gewünscht für den neuinszenierten Ring, aber immerhin: für Tristan und Isolde und den Holländer (20./21.8.06). Die Freude ist komplett.

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