|
|
||
|
Beat Unternährer |
||
|
|
||
|
16 Stunden-Aufführung des "Ring
des Nibelungen", verteilt auf 2 Tage
Wagner-Marathon in Köln
Ein musikalisch-dramaturgischer
Erlebnisbericht aus Köln, gestützt auf
- Aufführungsbericht im
Kölner Stadt-Anzeiger (fett kursiv)
- Programmheft „Der
Ring in 2 Tagen"
- Pausengespräche
- eigene
Vergleichsmöglichkeiten mit andern Aufführungen
Der Ring des Nibelungen ist der
Titel eines "Bühnenfestspiels für drei Tage und einen Vorabend". So lautet
die genaue Angabe von Richard Wagner. Köln wollte mehr und verkürzte die
Aufführungszeit auf zwei Tage. Das Interesse an der Mammut-Veranstaltung
war gross: Nach unserer Feststellung war das Haus
ausverkauft.
Von zwölf bis 14 Uhr 30 war das
"Rheingold" gespielt worden. Bis 22 Uhr würde die "Wallküre" erklingen. Am
Sonntag ab zehn folgte der "Siegfried", ab 18 Uhr die "Götterdämmerung".
Rund 16 Stunden Musiktheater an zwei Tagen. Eine künsterlische,
logistische und konditionelle Herausforderung, die bisher noch keine Oper
anzunehmen gewagt hatte.
Der Normalfall sind fünf Tage,
Meinigen schaffte es in vier, Erl in Tirol in drei Tagen. Dabei mag es um
Events gehen, es geht aber auch um intensive Kunsterfahrung.
Die Kölner "Ring"-Inszenierung
des Kanadiers Robert Carsen ist eine radikale ÖkoDeutung mit einem
gleich zu Beginn verseuchten Rhein, die konsequente Schnee-und
Kälte-Metaphorik und der Auszug der Götter aus und der Einzug der
faschistischen Gibichungen in Wahlhall - das ist beste Regiekunst. Von
jedem Regisseur werden die vier Teile immer als Einheit konzipiert, von
Wagner sind sie als eine grosse Parabel vom Anfang und Ende der Welt, vom
Einbruch der Geschichte in die Naturgeschichte gedacht.
Eine zyklische Aufführung fordert
das Kunstwerk von sich aus. Den Ring an zwei Tagen zu sehen, ist darum wie
einen Roman an einem Tag zu lesen oder vorgelesen zu bekommen. Die Kölner
Oper unter dem Dirigat von Markus Stenz hat die lange Geschichte vom
Aufstieg und Fall der Menschheit kraftvoll und erhellend vor Augen
geführt.
Offenbar wollte Stenz mit seiner
Ringschmiede-Kunst auch zeigen, dass er und sein Orchester, dessen
Besetzung, wie die der Sängerrollen, von Oper zu Oper wechselten, einen
solchen Kraftakt zu leisten in der Lage sind, und haben
dabei |
||
|
|
||
|
|
||
|
etwas überkompensiert. Sie sind
gegen Schluss etwas laut geworden, dass etwa Brünhildes Schlussgesang zu
kippen drohte. Aber das rührte das grossartige Gesamtkunstwerk der Kölner
Opernspielfeld am vergangenen Wochenende nur wenig.
Wer von Wagners "Der Ring des
Nibelungen" fasziniert ist, hat auch nach einer Marathon-Aufführung wie an
diesem Wochenende. immer noch nicht genug davon Die Oper Köln präsentiert
das komplette Wagner-Werk und - wie im Drogenrausch -ruft man nach mehr.
Durch diese Art der Aufführung hat sich eine noch grössere Konzentration
und ein intensiver Sog eingestellt. Bei dem Werk handelt es sich ja um
einen Zyklus, der so in dieser Inszenierung von Robert Carsens sehr
schlüssig erzählt wird.
Um bei der Qualität der
Darbietung keine übermüdungsbedingten Abstriche machen zu müssen, wurden
die Hauptrollen Wotan, Brünnhilde und Siegfried doppelt besetzt. Man hat
wohl darauf geachtet, "dass sich niemand kaputtsingt", Auch an
entscheidenden Stellen im Orchester hat es nach meinen Beobachtungen
Auswechslungen gegeben.
Eins vorweg: Markus Stenz schärft
mit wunderbarem Orchesterspiel den Blick auf die oftmals vergröbert
wiedergegebene Struktur des Ringes und erlöst ihn vom ermüdenden
Dauerforte. Ihm gebührt denn auch der grösste Anteil am Erfolg dieses
ungewöhnlichen Ring-Zyklus. Es stehen im Orchesterklang nicht immer nur
die Blechbläser im Vordergrund, sondern auch die Hölzer und Streicher sind
zu erkennen.
Die Götter sind Menschen in
dieser Deutung des Rings. Das Grosskapital und die Arbeiterschaft, die
Kriegsherren von Walhall und am Rhein. Die Welt in der sie leben ist ein
Trümmerhaufen. Die Katastrophe ist ökologischer Natur, der Krieg zwischen
den Menschen nur ein weiterer Aspekt des Krieges gegen die Natur. Feuer
ist eines der zentralen Bühnenmotive, echtes brennendes Feuer wohlgemerkt.
Brünnhilde ist davon eingeschlossen, die Kamine in Walhall und in Gunters
Büro brennen, im Feldlager, wo Hunding zu Haus ist. Zur Not hält Hagen das
Feuer mit Hilfe einer Zigarette in Gang. Wenn am Ende die Welt und Walhall
an Siegfrieds Feuergrab entzündet in Flammen aufgehen, dann steht fast die
gesamte Bühne des Kölner Opernhauses in Brand. Ein ungeheuer
eindrucksvolles Bild. Als dieser Flächenbrand sich dann auch noch auf die
Hinterbühne zurückzieht und den Raum öffnet für einen leeren Raum, kennt
das Erschauern keine Grenzen mehr. Hier ist ein letzter grosser
Frühjahrsputz im Gange, ein kathartisches Feuer, eine Reinigung der Welt.
Der leere Raum am Ende ist Möglichkeit und Hoffnung, ein weisses Blatt
Papier, auf dem eine neue Geschichte geschrieben werden kann, wo eine neue
(bessere?) Welt stattfinden darf.
Grosse, schöne Bilder gab es
viele. Schnee fiel im RHEINGOLD, der die Kriegslandschaft der WALKÜRE
grundierte. Die Ausstattung war gleichermassen von Klarheit, wie von
handwerklicher und künstlerischer Feder inspiriert. In Kombination mit
eher dunklem Lichtdesigngelangen so einfache, eindrückliche und ungemein
wirkungsvolle Momente. Stark akzentuierendes Seitenlicht wechselt
dramaturgisch von kalt nach warm und zurück. Wie die Bühne von weiter weg
ausgesehen mag? In der ersten Reihe, unserem Logenplatz, sahen wir auch in
der Dunkelheit. |
||
|
|
||
|
|
||
|
Nicht alles war perfekt,
natürlich. Selber habe ich's nicht sooo genau analysiert, aber ein
Wagnerianer von altem Schrot und Korn sagte uns in einer Aufführungspause,
es habe mitunter munter im Orchester geklappert, Holz und Blech seien sich
im 1. Siegfried-Akt nicht immer einig gewesen. Auch waren Tempo und
Dynamik der Regie nicht immer mit dem Maestro abgestimmt. Nicht immer
überzeugt das Bühnenspiel: Leerstellen blieben besonders bei den "kleinen"
Szenen. Die Begegnungen Brünnhildes mit Siegmund, Siegfried und Waltraute
zum Beispiel. Da bleibt es seltsam leer und deutungslos auf der Bühne.
Vielleicht ist es Absicht, denn im Orchester erklingen in diesen Szenen
meisterhaft komplexe Strukturen. Vielleicht wollte Robert Carsen nur nicht
ablenken. Aber wahrscheinlich fällt es ihm leichter, wirkungsvolle
Massenszenen auf die Bühne zu bringen, als einen theatralen Ausdruck der
Nähe, eine subtile Personenregie, zu erfinden. Dafür gibt es immer wieder
auch Gags, bis hin zum Slapstick, auf der Bühne. Mimes Gesicht in der
Torte? Das ist Geschmackssache.
Zieht man Bilanz, so lässt sich
aber zweifellos sagen, dass die Kölner Oper in ihrem Schatzkästlein vier
beinahe makellose Perlen hat. Sie sollte diese pflegen und vorführen, für
ein Jahrhundertwerk hat es vielleicht nicht gereicht, das ist aber auch
nicht die Aufgabe der Kölner Oper, das soll Bayreuth immer mal wieder
leisten, aber dieser RING darf gern ein Jahrzehnt auf dem Spielplan
verweilen und weit über den Kölner Raum hinausstrahlen. Nun zu den
einzelnen Aufführungen:
Das Rheingold
Samstag, 12 Uhr bis 14.25 Uhr
Um 12.02 Uhr beginnt der Rhein
im Orchestergraben zu fliessen. Bald hebt das grosse „Wagalaweia" an, das
uns bis tief in die Nacht des nächsten Tages nicht mehr aus dem Sinn gehen
wird: „Weia! Waga! Woge, du Welle! Walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala
weiala weia." Es donnern die Pauken, es schmettert das Blech, die
Streicher, sie säuseln, und der Gesang trägt uns fort. Es geht bei Wagner
um alles und jeden und also um die Frage: Gold oder Liebe! Um 14.25 Uhr
fällt der erste Vorhang. Und um uns ist der Teufel los: „Booah!" ist die
erste Reaktion eines italienischen Quartetts in unserem Rücken. Das klingt
so, als hätte die Gruppe knapp zweieinhalb Stunden lang die Luft
angehalten. Aus dem „Booah" wird dann ein „Bravo" und„Bellissima". Das
lässt sich gut an. (Kölner Stadt-Anzeiger)
Sie beginnen nicht am Anfang,
sondern kurz vor dem Ende - sozusagen ein erweitertes Vorspiel zur
Götterdämmerung. Es sind schon Jahrtausende vergangen und wir sehen das
Hier und Heute. In Leserichtung laufen Menschen über die dunkle, leere
Bühne und entledigen sich dabei allerlei Gegenstände, von leeren
Zigarettenschachteln über ausgelesene Zeitungen bis hin zu lästigen
Kleidungsstücken, wie es unsere Wegwerfgesellschaft eben so praktiziert.
Als sich der Nebelteppich am Ende des Vorspiels lichtet, erscheinen drei
"nette Slumkinder", die auf einer "feuchten Abfallgrube" leben, völlig
verdreckt und verkommen. Auch der herankriechende Alberich lebt in diesen
Abfällen. Sein albernes Herumgekrieche erhält erst einen Sinn, als er nach
seinem Fluch auf die Liebe den schon fertig geschmiedeten Ring entwendet,
diesen an seine Hand steckt und sich ab diesem Moment auf seine zwei Beine
erhebt, um es den "nichtswürdigen Menschen" zu zeigen und sie unter sein
Joch zu bringen. |
||
|
|
||
|
|
||
|
Soweit die wohl zentrale Aussage
des Produktionsteams, das hier einen bewusst "grünen Ring" präsentieren
möchte, mit Blick auf die ständige Ausbeutung und Misshandlung der Erde
und aller Lebewesen, die ökologische Krise und den unaufhaltsamen,
gemeinsamen Weg in den Untergang. Die Ausstattung beschränkt sich auf die
"normalen Alltagsrequisiten". Neben Arbeitskleidung, Anzügen, Kleidern und
Smoking erscheint weder Augenbinde, noch Speer und Hammer. Ersatz dafür
liefern Gehstock und Golfschläger. Ansonsten dominiert der durch
hochfahrbare Wände abgeschlossene, hallenartige Raum der geräumigen
Hauptbühne, der mittels weniger Requisiten schnell verwandelt werden kann.
In Walhall ist dagegen szenisch
wie in Bayreuth oder anderswo. Die Koffer stehen neben Baumaterialien,
Lastzügen und Bauplänen. Die Götter sind die machtgierigen Egozentriker
unserer Zeit ohne Gefühl für bleibende Werte und Verantwortung - und wie
die Menschen am Fluss verraten auch sie ihre Lebensgrundlage, die Äpfel
Freias. Doch ungewohnt viele Personen sind ständig auf der Bühne:
unzählige und tragische Einzelschicksale umgeben die Götter, Zwerge und
Riesen genauso wie uns selbst in unserem realen Leben. Fasolt und Fafner
demonstrieren ihre Autorität auf der Baustelle vor einer grossen Truppe
von Bauarbeitern, die streikend um ihren Lohn bangt. Eine schwarzgewandete
Dienerschaft schirmt die Götterwelt vor den Unannehmlichkeiten der
„minderwertigen Welt" ab, mit dem Butler Loge als „Fahrradfahrer", nach
oben buckelnd und nach unten tretend, an der Spitze. In Nibelheim bildet
sich der Riesenwurm aus verängstigten, auf den Knien kriechenden Zwergen,
die sich gegenseitig würgend um den aufrechtstehenden Alberich scharen.
Neben diesen eindringlichen und stimmigen Bildern stehen jedoch auch
szenische Durchhänger wie zum Beispiel die einfallslos angelegte
Konfrontation von Gott und Zwerg in Nibelheim, das naive Verbuddeln Freias
unter Styropor-Nuggets oder der Einweihungsdonner Walhalls per Golfschlag.
In diesen Momenten rettete Markus Stenz die Spannung, gestaltete das Drama
wieder vorrangig aus der Musik heraus, arbeitete kammermusikalische
Details und Leitthematik feinfühlig heraus und liess die schicksalhaften
Dimensionen des »Rheingolds« spürbar werden. Martin Finke lieh der von
Regie und Beleuchtung ebenfalls vernachlässigten Figur des Mime seinen
sicheren, klagenden Tenor. Andreas Hörl und Dieter Schweikart
präsentierten Fasolt und Fafner mit gut sitzenden und sehr verständlichen
Stimmen und Technik, doch wollten die beiden eher hell timbrierten
Stimmfarben nicht so recht zur schwarzen Grösse dieser Basspartien
passen.
Dass die Szenenwechsel bei
geschlossenem Vorhang stattfinden, wird vor allem durch die Hervorhebung
der Parallelität der Ereignisse gerechtfertigt: senkt sich der Vorhang am
Ende der ersten Szene über Alberich, der in imposanter Pose den geraubten
Ring in die Höhe streckt, steht am Beginn der nächsten Szene Wotan an
derselben Stelle und in ähnlicher Haltung, begeistert von dem Anblick der
in seinem Auftrag fertiggestellten Burg. Wie sich die Bilder gleichen.
Robert Carson erfindet nichts an den Haaren herbeigezogenes hinzu, sondern
schärft den Blick für wesentliche Aussagen des Werkes. Vieles hat man zwar
schon gesehen, was nun wirklich nicht verwundern kann, aber es fügt sich
(fast) alles harmonisch zusammen.
Auch musikalisch legt sich diese
Kölner Produktion ordentlich ins Zeug: mit Markus Stenz steht dem
Produktionsteam auf der Bühne ein ebenso kompetenter als auch
ausstrahlungsfähiger Dirigent vor der Bühne und entfacht im Graben mit
dem |
||
|
|
||
|
|
||
|
Gürzenich-Orchester Kölner
Philharmoniker über weiteste Strecken einen wahren Klangzauber. Blieb dem
Vorspiel auch jener Zauber des noch Unberührten, erst langsam Entstehenden
versagt, was allerdings der Inszenierung voll entspricht (das Geschehen
setzt eben nicht am Beginn der Schöpfung ein, sondern erst kurz vor dessen
Untergang), war das, was Markus Stenz im Laufe der Aufführung aus dem
Orchester herausholte, schon sehr bewundernswert. Nie schleppend, immer
mit Spannung gestaltete grosse Bögen und Phrasierungen zeichneten seine
immens ausdrucksstarke Interpretation aus.
Von den Solisten, die sich
insgesamt als ein homogenes Ensemble präsentierten, wurden vor allem
Philipp Joll, als imposanter Wotan (Der balsamische Bariton besitzt
autoritäre Durchschlagskraft und gefährliche Zwischentöne, seine
weltmännisch brutal arrogante Wotan-Interpretation überzeugte ohne
Abstriche), Dalia Schaechter, als selbstbewusste First Lady Fricka wusste
mit ihrem wunderschönen, vielschichtigen Mezzo sämtliche Facetten ihrer
Partie von einschmeichelndem Becircen bis zu hysterischem Keifen
auszuloten. Oskar Hillebrandt singt einen galligen und dämonischen
Alberich, so wie man ihn gerne hört. Tolle Leistung. Schade, dass er fast
während der ganzen Zeit auf den Knien rutschen muss. Die vielschichtigste
Figur ist sicherlich der Halbgott Loge, der in Köln von Hubert Delamboye
charakterisiert wurde. Seinem breit klingenden Tenor mag man fast das
Attribut „alte Schule" verleihen, so natürlich und ungekünstelt setzte er
seine Rollengestaltung an. Als oberster Diener des Götter-Clans ist er
verbitterter Untergebener und allwissender Vertrauter zugleich. Als sei es
seine Rache für Jahrzehnte der Unterdrückung, seine Abrechnung mit den
Mächtigen dieser Welt, führt er die Götter in dezentem Kerzenlicht nach
Walhall in eine von Schneefall eingehüllte Finsternis und wechselt in die
für ihn neue Rolle als Anwalt der vergessenen Schicksale unserer
schnelllebigen Zeit.
FAZIT
Alles in allem ein mehr als
verheissungsvoller Auftakt zu einem neuen Ring-Projekt.
Die Walküre
Samstag, 17 Uhr bis 21.45
Uhr
Wir begeben uns in die
Einkaufsstrasse und verbummeln uns etwas. Im Santana gibt's auch nach
langem Warten nichts zu essen, sodass wir uns mit einer Suppe im
Opernrestaurant begnügen. Ein Herr sagte uns: Den »Ring« habe ich
mittlerweile von mindestens 20 Dirigenten gehört, da waren die besten
dabei, und mit denen kann Markus Stenz locker mithalten. Ganz
hervorragend!"
Der Dirigent wird mit
„Bravi" beschenkt, noch bevor er Siegmund und Sieglinde zusammenführt. In
der zweiten Pause ist draussen in der Welt die Nacht hereingebrochen. Auf
einer Terrasse sinnieren zwei Gäste über den „schwarzen Mond", den sie am
Himmel fixieren: Die schmale Sichel des Mondes, sagt der eine, liege nicht
so, wie sie zu liegen scheine. „Die Achse ist ganz woanders - was wir da
sehen, sehen wir nicht."
Fakten und Fiktionen sind
das, wie sie auch den „Ring" durchwabern. Auf dem Schlachtfeld wählen die
Walküren die Helden aus, und wir machen uns, als dann Brünnhilde
im Feuer gefangen liegt, auf zum Bier und Cocktail mit PopC orn im Bankers
Restaurant. |
||
|
|
||
|
|
||
|
Im Ernst:
Durch sanft rieselnden Schnee
hatten sich Wotan und Fricka um 14.25 ins Walhall der Oper Köln
zurückgezogen - wildes Schneegestöber begleitet jetzt das donnernde
Vorspiel der Walküre. Es herrscht Krieg in der von den Göttern verlassenen
Menschenwelt. Schäferhunde verfolgen Fährten, Autoscheinwerfer und
blendende Taschenlampen beleuchten eine gespenstische Schieberszene im
Waffenlager des Sippenführers Hunding. Jede Gefühlsregung wird aufgespürt,
nur Gefühlskälte sichert das eigene Überleben. Dass sich die
desillusionierten Kriegskinder Siegmund und Sieglinde in dieser Welt
wiederfinden müssen, ist die Grausamkeit ihres von oben bestimmten
Schicksals. Dass in Köln Kirsten Blanck und der schwergewichtige Thomas
Mohr als diese Kriegskinder agierten, war jedoch wie ein schicksalhafter
Glücksfall, da beide das „gewisse Etwas" herauszuholen verstanden, das dem
1. Akt innewohnt. Die Tiefe von Kirsten Blancks warmem Sopran klingt
berückend weich und rund, die Höhen leuchten in sinnlichem Timbre, kein
Registerbruch trübt den musikalischen Genuss. Und darstellerisch? Von der
Brutalität der Wirklichkeit geprägt, ist ihre Sieglinde ein herber Typ mit
kurzen Haaren, in Khaki-Uniform und -wohlwissend, dass Gefühle angreifbar
machen - eher eine verbitterte Realistin als das jubelnd ekstatische
Wälsungenkind: selten hat eine Sieglinde so verzweifelt still geschluchzt
nach dem Gewinn des angeblichen Siegschwertes Nothung, ein Hohn beim
Anblick von Hundings Waffenarsenal. Thomas Mohrs Siegmund ist optisch
massig - der ideale einsame Kämpfer mit grimmigem Mut, stimmlich
interpretiert er die Heldentenor-Partie mit schlanker Tongebung ohne wilde
Attacke - und gerade dieser Gegensatz macht den Reiz seiner Interpretation
aus. Die „Wälse"-Rufe wirken unerwartet nüchtern, beinahe wie aus einem
Gespräch zwischen Vater und Sohn. Als „der harte Mann mit weichem Kern"
vermag er Sieglindes verschlossenen Blick für die zerbrechlich kurzen
Momente ihrer Liebe zu öffnen, die „Winterstürme" werden zum beruhigenden
Wiegenlied, Nothung zieht er ohne Aggressivität mit sensibler Ruhe aus
einem abgesägten Eschenstamm - die Kraft der Natur ist zerstört. Siegmunds
charakterlicher Gegenpol Hunding, menschgewordenes Negativ-Symbol für
Brutalität und Freude am Töten, wurde von Dieter Schweikhard bedrohlich
verkörpert, musikalisch habe ich ihn jedoch als zu „positiv", leicht und
kultiviert empfunden. Das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Markus
Stenz startete viel versprechend. Die oft extremen Tempowechsel pendelten
konsequent und logisch zwischen beobachtenden, ruhigen Gedankenwelten und
weiterführenden, zügigen Aktionen.
Stellenweise blitzte das Talent
zur Analyse psychologischer Zusammenhänge beim Regieteam durch: In der
stilvollen Halle von Wotans Burg tagt eine Offiziersversammlung, Soldaten
marschieren auf. Freias Äpfel leuchten nur so lange auf dem marmornen
Sitzgruppentisch, bis Wotan - erbärmlich auf allen Vieren kriechend - die
Vision vom Ende der Götter durch Alberich durchlebt. Ein zu Schrott
gefahrener Jeep in öder Schneelandschaft bietet kurze Zuflucht für das
Wälsungenpaar. Homogen singende Walküren in einem Meer von Gefallenen
küssen die Toten wach und schicken sie als seelenlose Wesen nach Walhall.
- Das war's bei Personenführung und Bühnenbild. Störend waren die
liegengebliebenen Leichen einen ganzen Akt lang und auch als Dekoration
des (nichtvorhandenen) Walkürefelsens. Die letzte Chance lag also bei den
Protagonisten. In herausragend souveräner Form präsentierte sich als Wotan
ein ausgesprochen differenziert rezitierender und interpretierender Albert
Dohmen. Vielschichtige Nuancen holte der warme Bariton aus der
musikalischen Struktur des Göttervaters hervor, sein langer Atem
ermöglichte gute Phrasierungen, er verkörperte Autorität
und |
||
|
|
||
|
|
||
|
bemitleidenswerte Kreatur in
einer Person. Leider lotete Dalia Schaechter sein Götterweib Fricka nicht
halb so farbenreich aus wie im »Rheingold«. Sie konzentrierte sich
hauptsächlich auf die stimmliche Umsetzung von gekränkter Hysterie und
fanatischer Unerbittlichkeit. In Brünnhilde sieht Robert Carsen eine naiv
gehorchende, ihre Umwelt nicht sonderlich hinterfragende
Industriellen-Tochter im geblümten Jungmädchen-Kleid der 50-er Jahre.
Damit stellte er die 46jährige Jayne Casselman vor unerwartete Probleme,
da sie versuchte, das Wotankind in diesem Sinne auch musikalisch
konsequenterweise eher mädchenhaft unschuldig als walkürenhaft dramatisch
anzulegen. Interessanterweise überzeugte Brünnhilde vor allem als sie sich
den langen Mantel eines gefallenen Soldaten überzog und in der
Konfrontation mit Wotan ihre Rechte einforderte - Kleider machen Leute:
jetzt erst bewegte sie sich auf gewohntem stimmlichen Terrain. Brünnhildes
Felsen erglüht am Schluss in sanft flackerndem, echtem (!) Feuer, das
Wotan selbst entzünden muss; Loge verweigert den Gehorsam. Das
„verschmutzte Wasser des Rheins", „Schnee, der Menschlichkeit einfriert",
„Feuer, das trennt und einsam macht" ... Lässt sich aus diesen Gedanken
der rote Faden spinnen, der Carsens »Ring«-Projekt zusammenhält? Der
Vorhang fällt - und viele Fragen sind noch offen! |
||
|
|
||
|
Siegfried
Sonntag, 10 Uhr bis 15.12 Uhr
Es ist früh am Tag, als Markus
Stenz wehenden Haares zur Tat eilt. Mit ausgebreiteten Armen nimmt er die
Begrüssung durchs Publikum an, dreht sich um - und erstarrt. Auf seinem
Pult fehlt die Partitur. Das hat er noch nie erlebt. Nach wenigen
Schrecksekunden entwickelt sich Heiterkeit im Saal. Stenz greift zum
Diensttelefon und ruft den Inspizienten an. Der Wortlaut ist nicht
überliefert. Wenig später wird das Objekt der Begierde im Laufschritt
überreicht. Szenenapplaus. Stenz prüft demonstrativ, ob es auch die
richtige Partitur ist. Das wird ihm später das Pausenlob eines Japaners
einbringen: „Er ist ein sehr disziplinierter Dirigent, hat aber Sinn für
Humor." Und dies: „Die Aufführung ist schön, wirklich schön und rund." Die
Bravi zum Finale gibt es schneller als den Applaus.
Selten zuvor habe ich Siegfried
so lyrisch gehört, was man sowohl über ihn selbst wie auch über das Werk
als Ganzes sagen darf. Überwogen am Anfang noch Fragezeichen über die
allzu zurückhaltende Gestaltung der Titelpartie, so dass im fantastischen
Duell Mime-Siegfried nicht sicher war, wer hier das Heldenfach bedient und
wer den schrägen Charakter, dankte man Stefan Vinke später eine ungewohnte
und v.a. ungehörte Sicht auf das Werk, zu der auch Philipp Joll als
Wanderer und Anne Pellekoorne als Erda kräftig beitrugen, was bei ihr
allerdings etwas Lasten der unbedingt erforderlichen Tiefe ging. Doch
allen voran ist hier Markus Stenz zu nennen, der die im Programmheft
genannte Spieldauer von 5 Stunden, was gutem Durchschnitt entsprochen
hätte, locker um fast eine halbe Stunde überzog. Die Idee einer
kammermusikalischen Darbietung wäre allerdings auch dadurch nicht verloren
gegangen, wenn er - genau wie der Titelheld - bisweilen etwas mehr forte
gegeben hätte. |
||
|
|
||
|
|
||
|
Doch nun der Reihe nach: Wie
schon zu Beginn des Rheingolds finden wir uns gleich eingangs auf einem
Kehrichtplatz ein, wo Mime zwischen allerlei Schrott in einem
fahruntüchtigen Wohnwagen wohnt; seine Schmiede gleicht einer schlecht
sortierten Hobbybastlerwerkerbank. Wotan zeigt sich im Gegensatz zur sonst
üblichen Darstellung als Edel-Wanderer mit walking-stick, very british!
Später präsentiert sich Alberich in gleicher Aufmachung nur ohne Stock und
als schäbiger Abklatsch, bekleckert und zerrissen. Vorzüglich ist Martin
Finke. Mit seiner perfekten Mischung aus stimmlicher Fülle,
Verständlichkeit und beeindruckender Bühnenpräsenz ist er der
unbestrittene Star des Abends, der selbst dann noch verständlich
artikuliert, wenn er den eigenen Rollenwechsel vom Schmied zum Koch
zelebriert. Eine grosse Leistung von Martin Finke!
Auch Siegfried legt in seinen
letzten Schmiedestrophen kräftig zu und zeigt, dass er pressfrei richtig
forte singen kann; als Nothungs 1. Beute schlägt er zur vernehmlichen
Freude des Publikums die Vorderwand des Wohnwagens herunter, in den sich
Mime verkrochen hatte
Darf der Wald niemals mehr heil
und grün erscheinen? Nicht einmal im „Waldweben"? So sehr man sich auch
den sauren Tannen satt gesehen hat, so sind die uneinheitlich versägten
Stümpfe des Kölner Siegfried doch von zwingender Logik im Umfeld der
steten Umweltzerstörung von Menschen Hand, wie sie uns schon im Vorspiel
des Rheingolds begegnete, als man die armen Rheintöchter bedauerte, in
solchem Dreckswasser baden zu müssen.
Wie so oft lagen Gelungenes und
Verunglücktes ach so nah beisammen. Freute man sich zu Ende des 1.
Aufzuges schon über eine Aufführung, die eigentlich nicht mehr schief
gehen kann, so war doch die Enttäuschung über den "Drachen" gross; die
Teile stimmten einfach nicht überein. Zunächst öffnet sich nur eine
dampfende Lichtspalte im Hintergrund, dann hängt unmotiviert eine
Baggerschaufel vorne herein, und ebenso grundlos kommt schliesslich ein
blutender Bauarbeiter hereingewankt, um ohne Verstärker den Rest zu
singen. Völlig daneben das Waldvögelein: Zu gewohnt unverständlichem
Gesang vom Rang ergreift Siegfried eine vogelförmige Stoffpuppe, die er
von Hand flattern lassen muss und je nach Bedarf beiseite legt; da war das
ornithologische Fachbuch schon origineller, welches Mime zückte, als er
Siegfried zu erklären versuchte, was dem Vögelein der Vogel
sei...
Auch Robert Carsen kombiniert die
Wiederkehr alter Bekannter wie dem Tarnhelm als Kettentuch mit riskanten
Slapsticks, wenn etwa Siegfried Mimes Gesicht in die mitgeschleppte Torte
eintaucht, die dieser auf einem Klapptisch über Fafners Leiche zur Feier
der gelungenen Aktion aufgebaut hatte. Auch der Oberkellner im
Gammelfrack, den Mime mimt, ist eine dieser netten Ideen. Der Beginn des
3.Aufzuges versetzt uns zurück in Walhalls Saal: Die Möbel zusammen
geschoben, Freias Äpfel verstreut, sitzt der Wanderer am erloschenen
Kamin; um Erda zu erwecken, gibt Philipp Joll sein Letztes. Es erwacht
eine schlecht gekleidete Mamuschka, die wie in einer Zwangshandlung sofort
nach Erwachen den Flaumer ergreift und planlos herumfuselt. Doch Wotan ist
nur noch in seiner Gedankenwelt befangen, so dass er nicht mal bemerkt,
wenn die alte Dame, die er hinabschicken will, den Saal bereits seitlich
verlassen hat. Sein kratzerfrei glänzender Edelwanderstab, der an einen
Speer nicht mal ansatzweise erinnert und dessen schwarzer Lack garantiert
runenfrei ist, zerbricht durch Siegfrieds blosse Geste eines Hiebes. Wotan
legt die Bruchstücke in den toten Kamin und sinkt dort sinnierend nieder
in der Betrachtung eines Gemäldes vom Walkürenfelsen, das gerne schon bei
der Uraufführung als Requisit gedient haben könnte. Was um Gottes Willen
macht Siegfried in Walhall? Ich glaube, Carson zeigt damit, dass
die |
||
|
|
||
|
|
||
|
Göttermacht schon aufgehört hat,
Sicherheitssysteme haben versagt, jeder hat Zutritt.
Barbara Schneider-Hofstetter als
Siegfried Brünnhilde ist eine treffliche Wahl, die erste richtige Frau
nach fast 5 Stunden fast nur Männern und Naturwesen. Noch etwas mehr
Kraftfülle wäre sicher auch erlaubt, doch auch so zaubert sie in der
völligen Kargheit der Raumausstattung einen Stimmungsumschwung herbei.
Schauspielerisch agiert sie voller Präsenz, besonders dort, wo Brünnhilde
sich endlich in ihre neue Rolle als liebende Frau findet und des zum
Zeichen ihren Mantel ablegt. Ihr einstiger Schlafplatz ist gähnend leer;
ausser einigen Resten der letzten Schlacht verliert sich das ungleiche
Paar auf der freien Platte der Riesenbühne. Das ist nicht nur ihrem Gesang
abträglich, der nirgendwo reflektiert wird, das hätte auch eine viel
pronociertere Personenführung oder ein Mehr an Lichtregie erfordert. Doch
allzu lang stehen sie unbewegt am Fleck, gegen Ende beide an der Rampe des
Orchestergrabens, dort allerdings beeindruckend in ihrer stringent
durchgehaltenen Berührungslosigkeit, jeder für sich an den äussersten
Rändern, zuletzt dann ganz dicht im Lichtkegel auf der Bühnenmitte -
kontaktfrei. Stefan Vinke (Siegfried) dürfte eine grosse Hoffnung für die
Zukunft sein, Barbara Schneider-Hofstetter (Brünnhilde) entlud manch
Loderndes, aber die Finalsteigerung des Hohen Paars zum „lachenden Tod"
hin müsste doch viel enthusiastischer, inbrünstiger entwickelt
werden.
Götterdämmerung
Sonntag, 18 Uhr bis 23.15 Uhr
Vordem abendfüllenden Finale -
die vier„Ring"-Segmente werden kurioserweise immer länger - kann man noch
einmal eine der Entspannungsmöglichkeiten wahrnehmen. Einer erzählt, er
habe sich im Raucherfoyer massieren lassen: „Seitdem tut mir der Rücken
weh!" Und der Tai-Chi-Kurs endet mit einer prima Pointe: „Die volle
Wirkung der Entspannung", sagte scheints der Lehrmeister, „zeigt sich erst
in einer Stunde: Es kann also sein, dass sie dann sehr müde werden." Das
passt gut, denn dann sitzen die Teilnehmer schon wieder im
Opernsessel.
Jetzt muss der Machtball
verwandelt werden - oben auf dem Mount Wagner. Das ist das Tolle an diesem
Wagner-Wahnsinn: Die vielen Leitmotive, die musikalischen wie die
inszenatorischen, sind einem in dieser dichten Darreichung wunderbar
präsent. Und die Wucht und Vieldeutigkeit des Werks entfaltet sich mit
einer Intensität, die den Bereich des Drogenkonsums
streift.
Wie könnte es anders sein? Die
Nornen erwarten den Zuschauer am Sonntagabend erneut im umzugsbereiten
Walhall. Aber es scheint dann doch eher ein Grossreinemachen zu sein, zu
dem sich die Nornen zusammen gefunden haben, die offenbar mit der Urmutter
eine Putzfirma betreiben. Der aufmerksame Zuschauer erkennt sofort
Details, die die Handlung dokumentieren und den weihevollen Weltenklatsch
der emsigen Seilknüpferinnen illustrieren. So stehen sich Loges Fahrrad
und ein Bündel gegenüber, dass sich schnell als die Weltesche
herausstellt. Das Ende ist vorprogrammiert und
unausweichlich.
Eine »Ring«-Produktion, die zu
Ende geht, provoziert eine gewisse Melancholie: ein Fazit über Vergangenes
wird gezogen, vieles hat sich seit Samstag 12 Uhr, seit dem Es-Dur-Akkord
im »Rheingold«, verändert und entwickelt. In der »Götterdämmerung« geschah
zusätzlich jedoch noch etwas anderes. Dieser »Ring« des
Dreiergespanns |
||
|
|
||
|
|
||
|
Robert Carsen, Patrick Kinmonth
und Markus Stenz schloss sich an diesem Abend zu einer Einheit, kehrte
dahin zurück, wo er angefangen hatte, verdichtete sich unauffällig und
fast leise zu dem, was er ist: zu unserer eigenen Geschichte, zum Anfassen
nah, zum Weinen realistisch.
Bei den Gibichungen sieht es
endgültig aus wie in der Reichskanzlei, weiss-rote Flagge und riesig
gerahmte Karten des Rheinverlaufs mit Köln, Worms und Düsseldorf an der
Rückwand inklusive. Wäre da nicht der grosse Schreibtisch, man könnte sich
glatt wieder in Walhall wähnen - und genau das sind die Bezüge, die zu den
andern Teilen führen. Denn die Bezüge zum Dritten Reich sind genau so
schlüssig wie die zu jeder anderen Diktatur. Ich interpretiere das so,
dass die Machtzentrale der Götter ausgedient hat und nun von
Schreibtischtätern wie Gunther und Hagen regiert wird. Hagen wird von
Philip Kang dargestellt. Leider ist auch er unverständlich, singt dafür
aber elegant, wenn auch häufiger zu leise. Weniger überzeugend ist der
Gunther Samuel Yongs, der jedoch über eine gute Stimme
verfügt.
Laut Programm deuten Regisseur
Robert Carsen und Bühnenbildner Patrick Kinmonth Richard Wagners
Tetralogie als Anklage gegen die Ausbeutung von Natur und Umwelt, zeigen
sie als Spiegel unserer Gesellschaftsprinzipien und des egozentrischen
Anspruchsdenkens. Das ist ihnen voll gelungen. Der letzte Rest von
sauberem Wasser wird kostbar wie Gold, das dem, der es besitzt, Macht über
die ganze Welt gibt. Die Verflechtung von zwei Handlungsebenen behält
Carsen konsequent bis zum Schluss bei: das öffentliche Geschehen in der
Weltpolitik auf der einen Seite und die kleine persönliche Welt des
Individuums auf der anderen. So wird Brünnhildes Schlussgesang keine
grosse Rede an das Volk, mit der sie ein universales Weltengleichnis
auflöst: vor dem geschlossenen Vorhang ist es ihr einsamer, ruhiger und
intimer Abschied von Siegfried - fast wie ein Liebestod. Danach erst gibt
sie der Natur die Macht zurück in das Flussbett des Rheines, in dem
charakteristische Utensilien der Vorgeschichte - hier Loges Fahrrad,
Fafners Baggerschaufel oder Siegfrieds Badewanne - liegen und brennen. In
dem Moment, wo das Erlösungsthema in Kombination mit dem Walhall- und dem
Rheingoldmotiv erklingt, passiert es: Es regnet! Was für ein Effekt nach
Schnee, Eis und Feuer der vorangegangenen Aufführungen! Die Gnade der
Erlösung - so einfach, so schlicht, so nah. Weshalb der Regisseur die
Rheintöchter am Schluss nicht auftreten lässt, die Hagen in die Tiefe
ziehen, bleibt ein Rätsel.
Markus Stenz hatte bereits im
»Siegfried« bewiesen, zu welch psychologisch fundierten Klangbildern das
Gürzenich Orchester technisch und emotional fähig ist. In der
»Götterdämmerung« gelang eine nochmalige Steigerung. Im Einklang mit den
vielen Details auf der Bühne, die nicht plakativ überzeichneten, sondern
Zusammenhänge bewusst machten, formte Stenz seine Interpretation. Mit
Albert Bonnema und Jayne Casselman agierte ein (älteres!?) Liebespaar auf
der Bühne, bei dem im Zusammenspiel einfach alles stimmte: ein
„Dream-Team". Albert Bonnema besitzt die nötige Kondition, um
differenzierend analysieren zu können, dass Wagner den
»Götterdämmerungs«-Siegfried als einen zweigeteilten Menschen nicht nur
konzipiert, sondern auch komponiert hat. Den Bogen von leuchtend klarer
Lyrik, unterbrochen durch Aggressivität und Identitätsverlust, spannte
Bonnema mit bewundernswerter Konsequenz und unermüdlichen Kraftreserven.
Jayne Casselman ist in ihrer Darstellung der Brünnhilde der Prototyp der
modernen jungen Frau von heute, die lernen muss, sich in einer Männerwelt
zu behaupten, um sich selbst treu bleiben zu können. Ihre Lebensweisheit
verteidigt sie mit dem Mut der Löwin, ihre |
||
|
|
||
|
|
||
|
Wut und ihre Trauer paaren sich
mit Demut. Dazu bewältigte sie die Partie mit betörender Intensität, die
in keinem Register an Schönheit und Dichte verlor. Philip Kang
interpretierte wie oben erwähnt die Bass-Partie des Hagen etwas blass und
nicht tiefensicher; eine Gesamtleistung die etwas abfiel. Hingegen Oskar
Hillebrandt der als Alberich mit effektvoll grossem Schattenspiel in
drängend flüsterndem Dialog mit seinem Sohn suggestive Sogwirkung
erzeugte. Samuel Youn war als engagierter, nicht über alle Zweifel
erhabener Gunther-Interpret zu erleben, dessen Höhen jedoch zuweilen
angestrengt und gestemmt klangen. Die Gutrune der Regina Richter stürzte
sich ebenfalls mit Vehemenz und Sensibilität in ihre Rolle. Mit voll
strömendem Atem und gefühlvoll gesetzten Akzenten nutzte Laura Nykänen die
Schönheit der Waltrautenszene, um eine Gänsehaut provozierende
„Stillstand-Szene" zu schaffen, einen Höhepunkt des Abends. Als
Putzfrauen, die den Unrat einer vergangenen Zeit miteinander verknüpfen,
erzählen die Nornen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.. Die
Rheintöchter sitzen wie ölbeschmierte Vögel im ausgetrockneten Rhein und
suchen nach Wasser - sie zwitscherten nicht leichtstimmig, sondern
gestalteten ihren Klagegesang sehr kultiviert und homogen mit grossen
tragfähigen Stimmen.
Hagen ersticht Siegfried mit der
Fahne aus der Gibichungenhalle; im Sterben noch entreisst ihr Siegfried
den Stoff und zeigt damit deutlich, was sie die ganze Zeit gewesen ist:
Hagens Speer! Gekonnt inszenierte Ironie: Der Leichnam wird sorgsam mit
der Fahne bedeckt. Nun schlägt noch einmal Stenz' Stunde, der im
Trauermarsch alle Register ziehen kann, die das Gürzenich-Orchester
bietet. Spätestens hier wird deutlich, dass die Götterdämmerung der
musikalisch geschlossenste Teil des Kölner Ringes ist. Und in der
herrlichen Schlussszene, in der Brünnhilde in den Trümmern der Welten der
Riesen, Zwerge, Menschen und Götter zu wirklicher sanglicher Grösse
aufsteigt und Carsen mit seinem Bühnenbildner Patrick Kinmonth zusammen in
sehr innerlichen Bildern diesen Weltuntergang inszeniert - wenn der Rhein
als Regen auf die Flammen niedergeht und Brünnhilde traumversunken in den
Bühnengrund schreitet, dann wird klar, dass Carsen ein gekonntes Spiel mit
der Ideenwelt Wagners, mit dessen Ängsten und Visionen, eine hervorragende
Illustration seiner Musik und ein spannendes Stück Theater realisiert
hat. |
||
|
|
||
|
Der „Ring des Nibelungen" ist in
der Kölner Oper geschmiedet, und die beiden letzten Stücke, „Siegfried"
und „Götterdämmerung", bestätigten nachhaltig, was schon der Eingang mit
„Rheingold" und „Walküre" gezeigt hatte: Generalmusikdirektor Markus Stenz
ist - obwohl es sein erster Ring war - ein ernstzunehmender Interpret für
Richard Wagner. Stärker als im Gesang, deutlicher als auf der Bühne
spielte sich das Drama im Orchester ab - eine elementare Folge von Bild,
Sinn und Emotion. Ein ausserordentliches Erlebnis. |
||
|
|
||
|
|
||
|
Fazit zum Schluss (auf die Gefahr, mich zu
wiederholen):
Obwohl mir das Ganze sehr gut
gefallen hat, habe ich schon kritische Randbemerkungen, bzw Fragen. Heute
kann es ja wirklich nicht mehr als grosser szenischer Wurf gelten, die
Protagonisten als Soldaten verkleidet auftreten zu lassen, die dann in
völliger Ödnis ihre Rolle singen. Hier waren es durch die äusserst
ausgebaute Statisterie sehr viel Uniformen und sehr viele Waffen. Eine so
negative und buchstäblich düstere Darstellung der Welt (die sich
„Überraschung" im Krieg befindet) habe ich allerdings selten, weder live
noch von Video gesehen. Es wäre ja schon fast kühn, mal wieder eine
stehende Esche zu präsentieren, und einen einäugigen Wotan mit Speer. Der
Gehstock in den Händen eines Feldmarschalls ist wirklich lächerlich. Dafür
aber legte sich Herr Dohmen gut ins Zeug und sang einen würdigen Wotan,
auch sein Kollege Phillip Joll tat sein bestes. Auf der extrem hohen und
tiefen Kölner Bühne zu singen ist mit Sicherheit extrem anstrengend, da
die menschliche Stimme einfach nicht weit genug trägt, Die meisten
Protagonistenn sangen ihre Rollen gut, wirklich herausragend waren jedoch
Alberich, Siegmund und Brünnhilde. Diese Auftritte kann man nur als
Highlights bezeichnen. Mit dem Licht hätte ich Mühe gehabt, wäre ich
weiter hinten gesessen. Vieles wird völlig unnötig in Dunkelheit getaucht
(warum darf man eigentlich die Gesichter der Sänger nicht sehen? Ständig
wurden sie von hinten oder der Seite angestrahlt. Von einer Ausleuchtung
der Szene konnte in keinem Fall die Rede sein. Ist das Kunst?) und nur
schlecht, böse und kaputt dargestellt. Gefällt mir gar nicht. Die
"Götterdämmerung" zeigte dann, wie man trotzdem packend inszeniert. Das
Bühnenbild wirkte hier am wenigsten störend und die Regie wartete hier mit
ausgefeilter Personenführung auf, die von den guten Darstellern auch voll
ausgefüllt wurden.
Ich habe ja nichts dagegen, dass
neu inszeniert wird und die Protagonisten nicht mit Fell und Stierhörnern
herumlaufen. Ich mag es nur nicht, wenn die Inszenierung zum Selbstzweck
verkommt und dann am Werk vorbei geht. "Des Vertrages Runen" in einen
Gehstock zu ritzen, mit dem Wotan dann noch den Walkürenfelsen verteidigen
will, ist einfach kein Bild, um einen wenn auch kompromittierten Gott zu
zeigen, sondern bestenfalls eine Karikatur. Und die wird in der Musik
nunmal nicht beschrieben.
Samuel Youn ist ein ziemlich
martialischer Sänger in der Rolle des Gunther, und das passt auch gut zur
Personenführung. Gunter ist im 1. Akt eine sehr starke Figur und
degradiert Hagen zum Gehilfen. Der Hagen des Philip Kang hat mir nicht
gefallen, die Stimme war mir zu schwach und seine Gestaltung hat mich
nicht überzeugt. Dazu kam die fast schon quälende Situation bei
Siegfrieds' Mord. Kang ist ungefähr 2 Köpfe kleiner als Bonnema (der
Siegfried) und tat sich mit dem Speer wirklich schwer...
Merkwürdig übrigens, dass die
Sieglinde der Kirsten Blanck in den Pausengesprächen gar nicht erwähnt
wurde, ausser vielleicht: zu wenig romantisch. Kennt noch jemand diese
Sängerin? Ich war von ihr fasziniert und dafür, dass sie die Partie in der
Aufführung zum ersten Mal sang wirkte sie absolut sicher.
Der Kölner Ring an zwei Tagen war
schon ein imposantes Ereignis: musikalisch und
szenisch im wahrsten Sinne des
Wortes eine Wucht. Sängerisch leider nur mit
Einschränkungen:
Absoluter Tiefpunkt (weil
Totalausfall) war der Hagen von Philip Kang, dessen
Stimme nun am Ende zu sein
scheint, so dass man nur noch Mitleid haben kann.
Die |
||
|
|
||
|
|
||
|
Buh-Rufe mussten nicht sein.
Absolutes Highlight ...sorry...absoluter Höhepunkt war für mich der
Siegmund von Thomas Mohr. Ich habe diese Partie nie schöner und
ergreifender gehört. Kirsten Blanck's Sieglinde stand dieser Leistung kaum
nach. Jayne Casselman war in der Walküre noch steigerungsfähig, dafür aber
in der Götterdämmerung durchaus überzeugend, besonders in der Darstellung.
Sie verfügte auch über die nötige Strahlkraft. Ansonsten ragten meines
Erachtens noch heraus: Hubert Delamboye als Loge, Oskar Hillebrandt als
Alberich, Albert Dohmen als Wotan (W), Barbara Schneider-Hofstetter als
Brünnhilde (S), Martin Finke als Mime, Samuel Youn als Gunter, aber auch
der Rest war akzeptabel. Den Ring in solch kurz aufeinanderfolgenden
Terminen zu erleben ist eine wirklich tolle Erfahrung. Die hier erfahrbare
Einheit des Werkes wird durch die Stringenz und Schlüssigkeit der
Regiearbeit Robert Carsens absolut hervorgehoben. Die von Patrick Kinmonth
geschaffenen Bilder bleiben noch lange im Gedächtnis. Nächstes Jahr im
März wird es wieder einen Ring an 2 Tagen in Köln geben. Bei den
Pausengesprächen gab es die übliche Bandbreite: für den einen war
Schneider-Hofstetter die schlechteste Brünnhilde (S), die er je gehört
hat, den anderen hat ihre stimmliche Darstellung zutiefst
berührt...
Einen Namen muss man unbedingt
erwähnen: Markus Stenz. Seine Leistung kann ich nicht hoch genug
einschätzen. Sänger und Orchester wurden abgelöst...er hat das Ganze
zusammengehalten und für einen erfrischend klaren Wagnerklang gesorgt. Bei
seinem Erscheinen am Schluss dieses grandiosen Wochenendes erhob sich das
dankbare Publikum geschlossen von den Sitzen... Seit der Hollmann -
Inszenierung in Basel in den Siebziger Jahren scheint mir diese
Inszenierung eine der attraktivsten und stimmigsten zu sein. Interessant
übrigens, dass Carson Elemente des Gegenentwurfs zum Ring, Offenbachs
"Fées du Rhin", deren (Fast-) Welturaufführung vor einem Jahr in St.
Pölten stattfand, eingebaut hat. Vielleicht versteht man Kontrahenten
besser, wenn man sie zusammen betrachtet. Dass Brünnhilde eine Entwicklung
zur liebenden Frau durchmacht, und gleichzeitig einen Ablöseprozess,
erkennt man zwar in der Musik, aber nicht ohne weiteres in manchen
Inszenierungen, die nur die weltgeschichtlichen Elemente sehen. In Wagners
Ring sind die Personen so tiefsinnig charakterisiert, dass man den Ring
auch als psychologisches Drama verstehen kann, und den Weltuntergang als
Staffage. Diesen Seiltanz zwischen individuellen Schicksalen und
gesellschaftlichen Elementen bewältigt der Kölner Ring sehr
gut.
Bestimmt ist die Musik das
wichtigste Element, ganz besonders, wenn sie
richtig ausgespielt und nicht als
Bläserkonzert missverstanden wird, und die Poesie
von Wagners Sprache unterstützt.
Auch das war vorzüglich.
Mir wird dieses Ring-Erlebnis immer in Erinnerung
bleiben
Am Montagabend zuhause
eingetroffen: Brief aus Bayreuth! Kartenzusage! Leider nicht wie gewünscht
für den neuinszenierten Ring, aber immerhin: für Tristan und Isolde und
den Holländer (20./21.8.06). Die Freude ist
komplett. |
||
|
|
||